Freitag, 20. Oktober 2017

7901-7910

dur die keiserlichen fruht,
daz im der sorgen jâmersuht
craft unde varwe swachete
und in sô bleichen machete,
daz man sîn trûren grundelôs
an sîme erwelten bilde kôs.
Nû daz Jâson von Kriechen
alsus begunde siechen
und im betrüebet was der sin,
dô sprach der künic wider in:

wegen der kaiserlichen Leibesfrucht,
so dass ihm der krankmachende Schwermut der Sorgen
Kraft und Farbe raubte
und ihn so bleich werden ließ,
dass man seine unergründliche Trauer  
an seinem Aussehen ablesen konnte.
Als nun Jason aus Griechenland
derat krank wurde
und sich sein Gemüt verdunkelte,
da sagte der König zu ihm: 

Donnerstag, 19. Oktober 2017

7891-7900

ze herzen und in ôren.
ir beider sîn ertôren
begunde von der minne.
krank unde tumbe sinne
von liebe si gewunnen.
si quâlen unde brunnen
tac unde naht in sender clage.
der heizen minne siechtage
ûf Jâsônen balde viel,
wan er sô vaste in leide wiel

zu Herzen und Ohren kommen könnte. 
Durch die Liebe begannen
die beiden – in und an ihrem ganzen Sein – Irre zu werden.
Durch die Liebe wurde ihr Wahrnehmung
geschwächt und stumpf.
Sie litten Qualen und sie brannten
Tag und Nacht mit sehnsuchtsvollem Schmerz.
Bald hatte die Krankheit der heißen Liebe
Jason getroffen,
weil er so sehr in Leiden schmorte,

Mittwoch, 18. Oktober 2017

7881-7890

dar ûf in allen orten,
wie si mit hübschen worten
ir willen im geseite
und im daz für geleite,
daz si nâch sîner minne bran.
alsam tet dirre werde man
und der getriuwe jungelinc.
er wart ouch ûf daz selbe dinc
mit allem vlîze dâ verdâht,
daz ir sîn angest würde brâht

darüber intensiv nachzudenken,
wie sie mit höfischen Worten
ihm ihren Willen mitteilen
und ihm darlegen könnte,
dass sie nach seiner Liebe brannte.
Gleiches tat der angesehen Herr
und treue junge Mann.
Auch er war gedanklich
in die gleiche Sache eifrig vertieft,
dass nämlich seine Bedrängnis ihr

Dienstag, 17. Oktober 2017

7871-7880

wan der state dâ gebrast,
daz diu maget und der gast
niht vollenden under in
ir willen möhten und ir sin.
Möht ez vor huote sîn geschehen,
man hæte wol an in gesehen,
daz ir beider wille
schein lieht als ein berille
an herzeclicher trûtschaft.
diu schœne wart gedanchaft

als nur die Gelegenheit,
weil die Jungfrau und der Fremde
miteinander ihren Willen und ihre Absicht nicht
verwirklichen konnten.
Wären nicht all die Aufpasser gewesen,
hätte man bei ihnen klar sehen können,
dass ihre beider Wille
mit inniglicher Liebe
hell wie ein Edelstein leuchtete.
Die Schöne begann,

Montag, 16. Oktober 2017

7861-7870

und ir sorge bitter.
den ellenthaften ritter,
den slôz diu reine guote
ze herzen und ze muote
vür alle man besunder:
dâ wider und dar under
meint er si vür alliu wîp.
ir beider leben und ir lîp
wart sô verstricket under ein,
daz niht anders an in zwein,

und bitter wurden ihre Sorgen und Befürchtungen.
Den unerschrockenen Ritter
schloss die Wohlgeborene, Makellose, 
mehr als alle anderen Männer
in ihr Herz und in ihre Gedanken.
Demgegenüber und mit ihr übereinstimmend
liebte er sie mehr als alle anderen Frauen.
Ihr beider Leib und Leben
wurde so miteinander verknüpft,
das ihnen beiden nichts weiter fehlte  

Freitag, 13. Oktober 2017

7851-7860

gefrîget vor der minne starc,
diu sich in ir gemüete barc
vil tougenlichen als ein diep.
umb inneclichez herzeliep
was ir ê niht worden kunt,
nû was ir muot biz ûf den grunt
von herzeliebe enzündet.
ir wart alrêrst gekündet,
waz minne was und ir gewalt;
des wart ir trûren manicvalt

von der starken Liebe befreit werden,
die sich in ihrem Innern eingenistet hatte,
ganz heimlich, wie ein Dieb. 
Von inniglicher Herzensliebe
hatte sie zuvor nichts gewusst;
nun aber war ihr Innerstes von Grund auf
mit Herzensliebe entzündet.
Jetzt erst erfuhr sie,
was Liebe war und deren Macht;
dadurch wurde sie in vielerlei Weise traurig und trübsinnig 

Donnerstag, 12. Oktober 2017

7841-7850

in daz netze senender nôt.
ir kunst ir keine stiure bôt
vür der hôhen minne craft.
si enhalf niht alle ir meisterschaft,
noch ir starken witze list,
diu minne enwürde in kurzer vrist
an ir muote sigerîch.
an hôher kunst was ir gelîch
kein vrouwe ûf al der erden,
und mohte doch niht werden

in das Netz sehnsüchtiger Mühen geworfen war. 
Ihr Wissen und Können boten ihr keinen Ausweg
aus der Macht der hohen Liebe.
Ihre ganze Expertise konnte ihr nicht helfen,
auch nicht die Klugheit ihres scharfen Verstandes;
die Liebe wurde dennoch, binnen kurzer Zeit,
zum Sieger über ihren Willen.
Was bedeutungsvolles Wissen und Können anbelangte,
kam keine Dame auf Erden ihr gleich,
und dennoch konnte sie nicht