Mittwoch, 21. Februar 2018

8611-8620

ie balder und ie harter.
si leite strenge marter
sich selben an mit strîte.
und dô si bî der zîte
ir willen und ir zuoversiht
von im gescheiden mohte niht,
dô sprach si wider sich zehant:
›mit strîte hân ich an gerant
vergebene mîn gemüete.
jô vihte ich unde wüete

immer mutiger und immer stärker.
Sie unterzog sich selbst durch diesen Kampf
einem harten Martyrium.
Und nachdem sie dann
ihren Willen und ihre Hoffnung
nicht von ihm losmachen konnte,
da sagte sie sich zugleich:
›Kampfwillig – und vergebens – 
habe ich meine Gefühle angerannt .
Ja, ich streite und kämpfe

Dienstag, 20. Februar 2018

8601-8610

der ûz des herzen grunde vert.
si hete gerne sich erwert
des mannes und der minne.
si streit ir kiusche sinne
vil sêre mit gedenken an
und wolte brechen von dem man
mit herzen und mit lîbe sich.
und sô diu maget wunneclich
ie vaster von im kêrte,
sô minne ir herze sêrte

die vom Grund des Herzens kamen.
Gern hätte sie sich gegen
den Mann und die Liebe verteidigt. 
Diese griff ihre keusche Haltung und Gesinnung
heftig mit Gedanken an;
und sie wollte sich mit Herz und Leib
von dem Mann losreißen.
Und während sich das liebreizende Mädchen
auf diese Weise immer weiter von ihm abwandte,
verwundete die Liebe ihr Herz

[Bei 8604-8607 bin ich mir unsicher, ob ich das richtig verstehe. Ich habe auf jeden Fall in der Übersetzung etwas verdeutlichend eingegriffen…]

Montag, 19. Februar 2018

8591-8600

gefüeret und geleitet.
mîn friunt, des ich gebeitet
mit sorgen und mit liste hân,
der wil ze lange mich verlân.‹
In dirre zît, dô daz geschach,
daz diu juncvrouwe alsus gesprach
und inneclîche swære truoc,
dô wart diu schœne vaste gnuoc
in sorge und in gedenke brâht.
ûf manigen sin was si verdâht,

führen und befördern. 
Mein Freund, auf den ich besorgt
und besonnen warte,
der lässt mich allzu lange allein.‹
Zu dieser Zeit, als die
junge Dame dies sagte
und tief gefühlten Kummer ertrug,
da geriet die Schöne ganz erheblich
in Angst und wurde nachdenklich.
Bestimmte Gedanken ließen sie nicht los,

[Was genau meint »list«? Ist die kluge Planung des Treffens gemeint? Oder geht es darum, dass Medea sich die Entscheidung zu diesem Treffen nicht leicht gemacht hat, dass die Entscheidung nach reiflicher Überlegung gefallen ist?]

Freitag, 16. Februar 2018

8581-8590

diz wachen hie gelîden!
er solte heizen mîden
sîn ingesinde disen dôz.
der hoveschal ist alsô grôz
und muoz mir werden hie ze sûr.
diu minne ist hôher fröuden schûr,
swâ man si lîdet âne trôst.
wird ich noch hînaht niht erlôst
von senelicher ungehabe,
so wirde ich morne hin ze grabe

diese Nachtwache hier zu ertragen!
Er sollte seinen Leuten befehlen,
diesem Lärm fernzubleiben.
Es ist ein sehr großes festliches Getöse,
das mir hier ein Übermaß an Bitterkeit verschafft.
Große Freuden werden durch die Liebe wie durch einen 
Wirbelsturm vernichtet, wenn man ohne Hoffnung auf Gegenseitigkeit liebt.
Wenn ich nicht noch in dieser Nacht 
von sehnsuchtvollen Klagen erlöst werde,
dann wird man mich morgen hin zum Grab

Donnerstag, 15. Februar 2018

8571-8580

sô tump kein ingesinde nie,
sô diz volc, daz hînaht hie
sus üppeclîche wachet
und ein gedœne machet
mit tobelichem schalle.
waz sol diz göuden alle,
daz diz gesinde hât erkorn?
ich wæne, slâfen sî versworn
und alle ruowe in dirre naht.
ach, herre vater, daz dû maht

eine Dienerschaft, die derart stumpfsinnig ist
wie dieses Volk, das heute Nacht hier
so völlig ohne Not wach bleibt
und einen Lärm veranstaltet
mit wahnsinnigem Gejohle.  
Was soll dieses verschwenderische Treiben,
das diese Gesellschaft sich hat einfallen lassen? 
Mir scheint, man verzichtet auf den Schlaf
und auf alle Ruhe in dieser Nacht.
Ach, mein Herr und Vater, dass du bereit bist,

Mittwoch, 14. Februar 2018

8561-8570

vil ofte von ir hende blanc.
si vaht mit sorgen unde ranc
dar umbe, daz diu hovediet
sô kûme von ein ander schiet
und sich niht leite slâfen.
si sprach vil dicke: ›wâfen!
waz hât diz tobende liut gedâht?
sol nieman hie ze ruowe brâht,
noch ze bette werden?
ez wart ûf al der erden

immer und immer wieder von ihren weißen Händen.
Sorgen quälten sie und gegen die hatte sie anzukämpfen,
weil doch die Hofgesellschaft
sich so gar nicht voneinander trennen wollte
und sich nicht schlafen legte.
Immer und immer wieder sagte sie: »Oh weh!
Was ist in dieses verückt gewordene Volk gefahren?
Wird denn hier niemandem das Ausruhen  
oder Zubettgehen gestattet werden?
Nirgends auf Erden gab es jemals 

Dienstag, 13. Februar 2018

8551-8560

mit hovelicher wîle grôz,
des sîn tohter dâ verdrôz,
wan si die wîle dûhte lanc.
si tet vil manigen umbeganc
in ir kemenâten wît.
mit leide gienc si bî der zît
vil harte dicke zuo der tür,
dâ si begunde luogen vür,
ob man noch slâfen wolte gân.
ûf unde zuo wart si getân

mit schönen höfischen Stunden,
was wiederum seiner Tochter lästig war,
weil ihr das zu lange dauerte.
In ihren weitläufigen Schlafgemächern
lief sie so manche Runde.
Leidvoll ging sie damals
immer und immer wieder zu der Tür,
um dort vorsichtig zu schauen,
ob man nicht langsam schlafen gehen wollte.
Geöffnet und geschlossen wurde sie

[Ob man hier »kemenate« einfach mit »Zimmer« übersetzen kann? Oder gibt es ein gebräuchliches neuhochdeutsches Wort, das es erlaubt, auf die luxuriöse Ausstattung eines »Kaminzimmers« zu verweisen? Mit den »Schlafgemächern« bin ich nicht wirklich glücklich…]