Dienstag, 19. September 2017

7681-7690

mit herzen und mit sinnen
begunde tougen minnen
vür alliu wîp besunder.
an im geschach daz wunder,
dô si kam gegangen în,
daz in ir spilender ougen schîn
versneit in kurzer wîle.
gelîch dem wilden pfîle,
der ûz dem tonre snellet,
wart minne ûf in gevellet,

mit Herz und Verstand
heimlich zu lieben anfing –
sie allein und mehr als alle Frauen. 
Dieses Wunder vollzog sich an ihm,
als sie hineinging,
weil ihn das Leuchten ihrer freudig erregten Augen
binnen Sekunden verwundete.
So wie der ungezähmte Pfeil,
der aus dem Donner hervorschnellt,
schoss Liebe auf ihn hernierder,

Montag, 18. September 2017

7671-7680

und was ir leit zergangen.
iedoch wart si bevangen
mit jâmer und mit leide sît,
wan si begunde in bî der zît
als inneclichen blicken an,
daz von im ir herze enbran
und ir gemüete wart enzunt
ouch wart er von ir sâ zestunt
versêret und verhouwen
alsô, daz er die vrouwen

und ihr Leid war zerronnen. 
Allerdings wurde sie just in diesem Moment 
von Kummer und Leid ergriffen,
denn sie fing sogleich an,
ihn so empfindsam anzusehen,
dass ihr Herz durch ihn in Brand geriet
und sie innerlich entzündet wurde.
Auch wurde er von ihr in genau diesem Moment
derart verletzt und verwundet,
dass er die Dame 

Freitag, 15. September 2017

7661-7670

hôrt in ir ôren clingen,
sô muoste ir herze ringen
dar nâch, daz si gesæhe
den helt küen unde wæhe,
des lop ir ôren dicke traf.
sîn prîs vür aller würze saf
dranc in ir herze tougen.
daz si mit liehten ougen
in sach des mâles unde kôs,
des wart ir vröude grundelôs

in ihren Ohren klingen hörte,
da war ihr Herz gezwungen,
darum zu kämpfen, ihn zu sehen,
den kühnen und imposanten Helden,
dessen Lob ihre Ohren häufig getroffen hat.
Die Hochschätzung, die ihm zuteil wurde,
drang heimlich ein in ihr Herz, stärker als der Saft der Kräuter.
Weil sie ihn mit glänzenden Augen
bei dieser Gelegenheit erspähte und sah, 
darum wurde ihre Freude grenzenlos

Donnerstag, 14. September 2017

7651-7660

ûf herzeclicher liebe trift.
uns seit der wâren buoche schrift
von werden liuten lobesam,
daz ir süezer guoter nam
sî vil bezzer allenthalp,
denn edel unde tiurez salp.
Diz wart ouch an Jâsône
bewæret dicke schône.
sô Mêdêâ sînen namen
vil süezen unde lobesamen

dass sie zu großer Freude getrieben werden.
Das, was in den wahren Büchern geschrieben steht, 
erzählt uns von lobenswerten, angesehenen Leuten,
dass deren liebenswerter, guter Name
überall viel besser sei 
als erlesene und teure Salbe.
Das zeigte sich auch ausgiebig 
und deutlich an Jason.
Als Medea seinen Namen
ganz lieblich und lobenswert

Mittwoch, 13. September 2017

7641-7650

durch ir ôren was geflogen.
ez ist noch wâr und ungelogen,
daz prîs die liute machet wert.
durch lop vil manges wirt gegert,
des man vil sanfte enbære,
ob niht sîn name wære
geprîset und gerüemet.
lop zieret unde blüemet
mit êren werder manne lîp
und reizet hôchgeborniu wîp

durch ihre Ohren geschwirrt war.
Es ist noch immer wahr und ungelogen,
dass Lobreden den Leuten Ansehen verleihen.
Wegen des Lobs wird so manches begehrt,
worauf man leicht verzichten könnte,
wenn nicht sein Name
gepriesen und gerühmt würde.
Lob schmückt und verziert
angesehene Männer mit Ansehen
und verleitet hochgeborne Frauen dazu,  

7631-7640

daz si Jâsônen solte sehen.
ir was sô vil von im verjehen
kürlicher manheit in ir jugent
und hete als edelîche tugent
von im gehœret in ir tagen
die liute sprechen unde sagen,
daz ir sô liebe nie geschach,
sô daz si den kôs unde sach
mit spilender ougen blicke,
des lop sô rehte dicke

Jason zu Gesicht zu bekommen.
Es war ihr, in ihrer Jugend, 
so viel von ihm und seiner vortrefflichen Tapferkeit erzählt worden
und sie hatte auch, was ihn betrifft, ihr Lebtag lang 
die Leute von so edler Eignung und Begabung
reden und erzählen hören,
dass ihr nie eine so große Freude zuteil wurde
wie als sie ihn erspähte und ansah
mit Augen, die ihn freudig erregt anblickten,
ihn, dessen Lob so gar häufig

Montag, 11. September 2017

7621-7630

lîp unde leben hât verzert.
er wil ouch kêren in den wert
dur den wider wunneclich,
dâ von sîn leben riuwet mich,
daz âne zwîvel wirt verlorn;
wan ez enwart nie man geborn,
der sô lûter und sô frî
vor aller missewende sî.‹
Des mæres wart diu schœne geil.
si dûhte gar ein hôhez heil,

seinen Körper und sein Leben aufgezehrt hat. 
Er will auch auf die Insel gehen,
wegen des herrlichen Widders.
Deshalb ist es mir um sein Leben leid,
das er zweifellos verlieren wird,
denn es wurde noch nie ein Mann geboren,
der so tadellos und so frei 
von jedem Makel ist.‹
Über diese Neuigkeiten freute sich die Schöne.
Es schien ihr das größte Glück zu sein,

Freitag, 8. September 2017

7611-7620

diz ist Jâson von Kriechenlant,
der lobes vil mit sîner hant
ervohten und erstriten hât.
nû merke an im lîp unde wât,
wie gar diu vollekomen sint!
er enist niht komen umb den wint
her in mîn künicrîche wert.
sîn herze muotet unde gert,
daz er den schæper hie bejage,
dur den vil manger sîne tage

das ist Jason aus Griechenland,
der mit eigener Hand großes Ansehen
erkämpft und erstritten hat.
Betrachte nun seine Gestalt und seine Kleidung,
wie rundum vollkommen die sind!
Er ist nicht für nichts und wieder nichts
hierher in mein angesehenes Königreich gekommen.
Sein Herz verlangt und begehrt,
hier jenes Vlies zu erjagen,
durch das gar mancher seine Zeit, 

Donnerstag, 7. September 2017

7601-7610

von golde und von gesteine.
dâ von diu maget reine
begunde vrâgen lîse
und in verholner wîse
ir vater, wer si wæren.
diz wart der wunnebæren
mit rede von im gekündet;
der geste dinc durchgründet
het er zehant der künigîn.
›sich,‹ sprach er, ›liebiu tohter mîn,

durch das Gold und die Edelsteine.
Das war der Anlass für die makellose Jungfrau,
leise und 
unauffällig
ihren Vater zu fragen, wer sie seien. 
Das berichtete er 
der Bezaubernden.
Schnell hatte er der Königin erläutert,
wie es sich mit den Gästen verhält. 
›Meine liebe Tochter‹, sagte er, ›schau,

Mittwoch, 6. September 2017

7591-7600

vergezzen sîner ungehabe
und alles zornes komen abe.‹
Die rede tribens' under in.
in flôz mit kurzewîle hin
der âbent und diu stunde.
diu lûter und diu blunde
des küniges fruht Mêdêâ,
diu saz gezogenlîche dâ
und nam der werden geste war,
der cleider wâren liehtgevar

seinen Jammer und sein Klagen vergessen
und von allem Zorn loskommen würde.‹
Derartige Äußerungen tauschten sie miteinander aus.
Mit vergnüglichen Unterhaltungen
gingen die Stunden und der Abend dahin.
Die Reine, die Blonde,
die Leibesfrucht des Königs, Medea,
die saß dort anständig und wohlerzogen
und betrachtete die ehrwürdigen Gäste,
deren Kleidung hell strahlte,

Dienstag, 5. September 2017

7581-7590

›daz ich sô rîch cleinœte nie
enweder anderswâ, noch hie
gesach mit mînen ougen,
der Wunsch hât âne lougen
erzeiget an ir sîne craft
und sîner künste meisterschaft
mit vlîze an ir bewæret.
kein herze nie beswæret
wart sô sêre von geschiht,
ezn müeste von ir angesiht

›dass ich noch nie mit meinen Augen 
eine derart wertvolle Kostbarkeit gesehen habe,
weder anderswo noch hier. 
Die Vollkommenheit hat ohne Zweifel 
ihre Macht an ihr gezeigt 
und ihre meisterhafte Kunstfertigkeit
eifrig an ihr bewiesen. 
Keinem Herzen wurde je vom Schicksal
so viel aufgebürdet,
dass es nicht durch ihren Anblick

Montag, 4. September 2017

7571-7580

und sîner vröuden krône.
›seht,‹ sprach er zuo Jâsône,
›diz ist der beste prîsant,
den ich in mînem hûse vant.
und hæte ich liebers crâmes iht,
friunt, guoter, des enhæle ich niht
vor iu ze keiner stunde.‹
mit redelichem munde
gap im Jâson antwürte alsô:
›got weiz wol, herre,‹ sprach er dô,

und die Krone seiner Freuden. 
›Seht‹, sagt er zu Jason,
›dies ist das beste Geschenk,
das ich in meinem Haus gefunden habe.
Hätte ich irgendwelche Güter, die noch mehr Freude bringen,
mein Freund, mein guter, das würde ich vor
euch zu keiner Zeit verbergen.‹
Mit beredter Zunge
antwortete ihm Jason folgendermaßen:
›Gott weiß genau, Herr‹, sagte er darauf, 

Freitag, 1. September 2017

7561-7570

daz in trûren wart gejagt.
nû daz diu keiserlîche magt
was in den sal gegangen,
dô wart si wol enphangen
von ir vater hôchgemuot.
diu frouwe sælic unde guot
hiez er zuo sîner sîten
dâ sitzen bî den zîten
und bôt ir zuht und êre vil,
wan si was sîner wunne spil

die in Kummer und Trübsal getrieben wurden.
Als nun die kaiserliche junge Frau
in den Saal gegangen war,
wurde sie dort herzlich empfangen
von ihrem glückseligen Vater.
Der erstaunlichen, gesegneten Dame
wies er nunmehr
den Platz an seiner Seite zu
und erwies ihr viel Respekt und Höflichkeit,
war sie doch seine Lust und sein Vergnügen 

Donnerstag, 31. August 2017

7551-7560

und an ir wunneclichen lîp.
ir schœne brach vür alliu wîp,
diu dâ ze lande wâren.
si kunde wol gebâren
und was ze wunsche wol gestalt.
ir minne zôch in ir gewalt
des mâles vil der Kriechen,
die siufzen unde siechen
nâch ir begunden iemer mê.
si tet vil mangem herze wê,

und mit ihrem bezaubernden Körper. 
Ihre Schönheit überragte alle Frauen,
die es dortzulande gab.
Sie wusste, wie man sich gut zu verhalten hat,
und ihr Aussehen entsprach dem Idealbild.
Ihre Liebe überwältigte zu dieser Zeit
viele der Griechen,
die von da an und für immer um sie
sehnsuchtsvoll seufzten und wegen ihr liebeskrank wurden.
Sie tat gar vielen Herzen weh,

Freitag, 11. August 2017

7541-7550

mit antlitz und mit cleide
vil glanzer ougenweide.
Ir bilde lûter unde guot,
daz gap in allen hôhen muot
und jâmers vil dar under;
wan swer daz lebende wunder
ir clârheit und ir minne
bedâhte in sînem sinne,
der wart nâch vröuden ungemeit,
sîn herze wart an si geleit

durch ihr Gesicht und ihr Kleid
eine überaus strahlende Augenfreude.
Ihre vornehme und makellose Gestalt 
schenkte ihnen allen ein Hochgefühl
und zugleich viel schmerzliches Verlangen,
denn jeder, der für sich über das lebende Wunder – 
über ihre Reinheit und ihren Liebreiz –
nachdachte,
der wurde nach der Freude traurig.
Sein Herz wurde mit ihr verbunden

Donnerstag, 10. August 2017

7531-7540

alrêrst an einem morgen vruo,
seht, alsô gie diu frouwe zuo
mit einer vrischen varwe.
si was erwünschet garwe
an lîbe und an gebâre.
Mêdêâ diu vil clâre
lancseime kam geslichen în,
gestreichet als ein velkelîn,
dem sîn gevider ebene lît.
si bar den gesten bî der zît

aus der Knospe schlüpft,
schaut, genau so kam die Dame daher,
mit einer frischen Farbe. 
Sie war, was Körper und Benehmen anbelangt, 
vollkommen perfekt.
Medea, die so hell leuchtende,
schritt langsam herein,
herausgeputzt wie bei einem jungen Falke,
dessen glattgestrichenes Gefieder gleichmäßig anliegt.  
Vor die Augen der Gäste brachte sie damals

[Nochmal jemanden fragen, der sich mit Falknerei besser auskennt…]

Mittwoch, 9. August 2017

7521-7530

gie si dâ stille swîgende
und mit dem houpte nîgende
den gesten algemeine.
liutsælic unde reine
was ir lûter angesiht.
mit worten ich ir sælde niht
durchgründe, noch durglôse.
reht als ein vrischiu rôse,
diu naz von touwe triufet
und ûz der bollen sliufet

ging sie stillschweigend dorthin,
und neigte den Kopf 
vor all den Gästen. 
Rein und makellos
waren ihre klaren Gesichtszüge und ihre Erscheinung. 
Mit Worten kann ich das Heil, das ihr gegeben war,
weder ganz ergründen noch restlos kommentieren.
Ganz so wie eine frische Rose,
die benetzt ist, feucht von Tau, 
und erstmal an einem frühen Morgen

[Da ich mir nicht sicher bin, ob »angesiht« hier lediglich das »Gesicht« meint, übersetze ich mit einer Doppelformel. Bei »sælde« füge ich ein wenig explikative Erläuterung hinzu. Statt »glossieren« schreibe ich (weil es heute geläufiger ist) kommentieren.]

Dienstag, 8. August 2017

7511-7520

und hete drüber ûf geleit
ein schapel eines vingers breit.
daz lûhte z'allen zîten
sô glanz von margarîten,
daz man ze naht gesach derbî.
vor aller missewende vrî
was diu maget wol gesite.
mit einem lîsen engen schrite
kam si dort her geslichen.
schôn unde zühteclichen

und sie hatte darauf einen Reif
gesetzt, der so breit war wie ein Finger. 
Der Reif leuchtete ununterbrochen
so wie Perlen glänzen,
weshalb man damit nachts sehen konnte.   
Die untadelig Jungfrau
war frei von allem Makel.
Leise und gemessenen Schrittes 
schwebte sie daher.
Schön und wohlerzogen    

Montag, 7. August 2017

7501-7510

dur cleiniu löcher glizzen.
got hete sich geflizzen
ûf ir glanzen forme schîn.
ir stuont daz selbe hüetelîn
ze lobelichem wunder
und was ir neckel drunder
sleht unde wîz alsam ein snê.
von vîol und ûz grüenem clê
truoc diu werde künigîn
ein niuwebrochen krenzelîn

durch kleine Löcher funkelten. 
Gott hatte all seine Sorgfalt aufgewendet
auf das Strahlen ihrer glänzenden Gestalt.
Eben dieses Hütchen brachte ihr
lobendes Staunen ein
und darunter war ihr Hälslein
glatt und weiß wie der Schnee.
Einen frisch gebrochenen Kranz 
aus Veilchen und aus grünem Klee
trug die vortreffliche Königin

Freitag, 4. August 2017

7491-7500

diu beide rîch was unde clâr.
ir zopf und ir goltvarwez hâr
daz hetes' an den stunden
gevazzet und gebunden
in ein gestricket hüetelîn,
daz was von sîden alsô vîn,
daz man sô wæhes nie gewan.
daz hâr ûz im schein unde bran
in liehter varwe stæte,
als ob dâ goldes dræte

die sowohl mächtig als auch schön sind. 
Ihren Zopf und ihr goldfarbenes Haar,
die hatte sie an diesem Tag
in ein gestricktes Hütchen
geschlungen und gebunden.
Das Hütchen war aus so feiner Seide, 
dass man kein derart kostbares jemals hätte beschaffen können.
Das Haar leuchtete und loderte aus sich heraus,
in beständiger, glänzender Farbe,
so wie wenn dort Goldfäden   

Donnerstag, 3. August 2017

7481-7490

Jensît dem mer was er geweben.
er schein mit lîsten und mit reben
gezieret wol zen orten
und mit gesteinten borten
an den gelenken umbenât.
der truoc der küniclichen wât
an ir mantel unde roc.
von zobel was ir underzoc,
daz bezzer nie kein vülle wart.
si kam nâch einer frouwen art,

Jenseits des Meers war er gewoben worden.
Er leuchtete, über und über schön geschmückt,
mit Borten und mit Ranken
und mit edelsteinverzierten Bändern,
die oberhalb der Hüfte aufgenäht waren.  
Davon trug sie, von dieser königlichen Kleidung,
am Mantel und am Rock.
Aus Zobel war ihr Unterfutter
und kein Futter war je besser.
Sie kam, so wie es Damen entspricht,

[Zwar halte ich meine Übersetzung für recht plausibel, aber ich bin kein Experte für höfische Kleidung des 13. Jahrhunderts…]